Wenn im März die lauen Lüfte wehen und es überall sprosst und blüht,
erwachen auch die Gelüste der Motorradfans. Man kann es kaum mehr
erwarten, auf kurvenreichen Pisten dahinzugleiten und die
unnachahmlichen Düfte der zu neuem Leben erwachten Natur zu genießen.
Apropos Leben: Darum geht es hauptsächlich! Denn wer an Motorradfahren
denkt, kommt nicht an der Tatsache vorbei, dass jeweils zu Beginn der
Saison die Anzahl der Opfer jäh ansteigt. Im letzten Jahr war das
besonders schlimm, und auch in den folgenden Monaten waren die
Unfallzahlen teilweise sehr deprimierend. Solche Meldungen machen das
Motorrad nicht gerade populärer und lassen den Absatz schwinden. Was
Wunder, wenn da die Hersteller immer intensiver über technische Lösungen
zur Verbesserung der passiven Sicherheit der Biker nachdenken. Dabei
kommt immer wieder der Airbag ins Gespräch, zumal Honda die in den USA
hergestellte Gold Wing seit rund einem Jahr mit einem solchen System
ausstattet. Verschiedenen Berichten zufolge soll der Airbag bei
simulierten Frontalzusammenstößen gut abgeschnitten haben. Und in der
Realität hat nach einem von der Zeitschrift Motorrad veröffentlichten
Bericht der Fahrer einer Gold Wing dank Luftsack einen Frontalcrash
überlebt.
Airbag ja, aber …
An dieser Stelle wenden die Unfallforscher zu Recht ein, dass ein Schutz
gegen die Folgen des Frontalunfalls alleine keineswegs das Ei des
Columbus ist. Ähnlich denken die Sicherheitsingenieure der meisten
Motorradhersteller, denn nicht der Frontalunfall, sondern der Sturz in
allen seinen Varianten ist die häufigste Ursache für Verletzungen. „Wenn
man über Motorradsicherheit nachdenkt, darf man sich nicht in
Pkw-Kategorien bewegen, ein ähnliches Maß an passiver Sicherheit lässt
sich da nicht verwirklichen.“ So oder ähnlich lauten die Statements der
Experten. Das heißt aber nicht, dass man das Thema ad acta gelegt hat.
Die Hersteller wissen sehr gut, dass die Zukunft des Motorrades vor
allem von der Frage abhängt, wie sicher man damit unterwegs ist. Die
jahrlange sträfliche Vernachlässigung des ASB – BMW ausgenommen – hat
sich für einige Hersteller bitter gerächt. Wir wissen längst, dass
zahlreiche Stürze hätten vermieden werden können, hätten die Maschinen
ABS gehabt. Inzwischen sind wir – und das ist gut so – in Deutschland
(fast) so weit, dass neue Motorräder ohne ABS nur noch schwer an den
Mann zu bringen sind.
Entwicklung und Forschung: Fahrwerktechnik und Reifen
Als wichtigen Sicherheitsfaktoren kommt seit geraumer Zeit vor allem der
Verbesserung der Fahrwerktechnik und der Reifen ziemliche Bedeutung zu.
Auch Systemen der elektronischen Warnung vor gefährlichen
Fahrbahnzuständen schenkt man erhöhte Aufmerksamkeit. Manche meinen
auch, rundum mit Luftsäcken bestückte Schutzanzüge seien die Lösung
schlechthin. Technisch wahrscheinlich möglich – aber wie schwer, wie
teuer und wie spaßtötend würde so ein Monstrum wohl sein? Ganz nüchtern
betrachtet sind für das Motorrad technische Lösungen im Sinne
weitgehender Verletzungsvermeidung nicht in Sicht. Deshalb bleibt
vorerst und sicher noch für lange Zeit qualifizierte Ausbildung sowie
eine die Schwächen des Fahrers aufdeckende und ausgleichende Fortbildung
der beste Schutz, den man Motorradfahrern mitgeben kann.
Didaktische Könner sind gefragt
Um guten praktischen Unterricht erteilen zu können, müssen
Motorradfahrlehrer erstens Fahrkönner und zweitens ausgezeichnete
Diagnostiker und Didaktiker sein. Mangelnder Fortschritt und Rückschläge
in der praktischen Ausbildung, ja Ausbildungsunfälle, können die Folge
falscher Einschätzung des Vermögens der Fahrschüler und didaktischer
Fehlleistungen sein. Kann es sein, dass die praktische Motorraddidaktik
bei der Ausbildung der Motorradfahrlehrer etwas zu kurz kommt? Wenn es
so ist, mag das u.a. daran liegen, dass wesentliche didaktische
Unterschiede zwischen der Ausbildung auf mehrspurigen Kraftfahrzeugen
und Krafträdern nicht oder nicht ausreichend erkannt sind. In der
späteren Praxis treten Defizite der Fahrlehrerausbildung am deutlichsten
durch Überforderungen der Fahrschüler zutage. Überforderungen, das ist
eine Binsenwahrheit, sind Motivationskiller und gefährlich obendrein.
Zuverlässigen Beobachtern zufolge fehlt es oft an der notwendigen
didaktischen Detailarbeit, indem z.B. bei der Schulung der
Fahrzeugbeherrschung wichtige Schritte und Stufen „übersprungen“ werden.
Eine so komplexe (Prüfungs-) Übung wie Ausweichen vor einem Hindernis
darf keinesfalls in Angriff genommen werden, ohne den Schüler zuvor
geduldig Schritt für Schritt durch einfache, die Fähigkeiten formende
Übungen an das Balanceverhalten des Kraftrads und das dosierte Stören
der Kreiselkräfte heranzuführen.
Ausbildung spezifischer anlegen
Es ist m.E. deshalb notwendig, die Nummer 2.4 des Rahmenplans für die
Fahrlehrerausbildung an Fahrlehrerausbildungsstätten inhaltlich
differenzierter zu fassen und den didaktischen Übungen mit dem Motorrad
ein eigenes, verbindliches Zeitkontingent von mindestens 30 Stunden
zuzuteilen. Daneben freilich ist die regelmäßige Teilnahme an speziellen
Fortbildungen für Motorradfahrlehrer zur Erlangung neuer Erkenntnisse
und Vertiefung der Fertigkeiten unentbehrlich. Jedoch vermag ich der in
der heutigen Bildungspolitik nicht zu übersehenden Tendenz, Fortbildung
zum Allheilmittel gegen Versäumnisse der grundlegenden Berufsausbildung
zu erheben, in diesem Zusammenhang wenig abzugewinnen. Hier geht es vom
ersten Schüler an um Gesundheit und Leben. Da wäre es fatal, wenn einer
erst später merkte, was er in Jahren zuvor falsch gemacht hat.
Gebhard L. Heiler