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Prof. Dr.-Ing.
Klaus Langwieder
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Junge Fahrer sind seit jeher die zentrale Problemgruppe im
Straßenverkehr. 20 Prozent aller bei Unfällen in Deutschland Getöteten
gehören der Altersgruppe zwischen 18 - 24 Jahren an. Junge Fahrer haben
ein dreifach höheres Unfallrisiko als die anderen Altersgruppen. Je
schwerer die Unfälle, umso höher der Anteil junger Fahrer. |
Nicht genug damit: Auf 10 Unfälle von getöteten jungen Fahrern kommen
13 Unfalltote in gegnerischen Fahrzeugen. Bei Kollisionen mit jungen
Fahrern sind die Folgen für die anderen Verkehrsteilnehmer noch höher
als die ohnehin schon drastischen Folgen für die jungen Fahrer selbst.
Hochgefährliche Unfallabläufe wie Schleudern, Abkommen von der Fahrbahn,
Kollisionen mit Bäumen sind typisch für junge Fahrer. Ihre hohe
Unfallbeteiligung entsteht vor allem durch geringe Eigenerfahrung und
durch jugend-typische Verhaltensweisen: Nichterkennen der Risiken,
Unterschätzen der Gefahr und Überschätzen der Kontrolle über das
Fahrzeug.
Risikominderung ist möglich
Neue Studien beweisen: Das Risiko junger Fahrer muss nicht als
unvermeidlich hingenommen werden. Eine aktuelle OECD-Studie ergab, dass
eine Erhöhung der Sicherheitsvorschriften den Führerscheinneulingen
zugute kommt und zu weniger Unfällen führt.
Der Modellversuch Begleitetes Fahren mit 17 (BF 17), der
jungen Fahrern in Deutschland erstmalig die Möglichkeit eines
verlängerten Lernens und einer Selbstlernphase unter definierten
Schutzkriterien bietet, ergab ermutigende Zwischenergebnisse: rund 20 –
25% geringere Unfall- und Delikthäufigkeit. Teilnehmer am BF 17, die
mehr als 6 Monate begleitet gefahren sind, haben 57% weniger Unfälle
durch Fehlverhalten verursacht als jene, die weniger als 6 Monate in
Begleitung gefahren sind. Im Jahr 2010 werden dazu Endberichte vorliegen
– doch der Trend ist schon jetzt eindeutig und zeigt die Notwendigkeit
einer integrierten Selbsterfahrungszeit in einem verlängerten
Lernprozess unter begleitenden Schutzkriterien.
Auch in Österreich wurde durch die Mehrphasenausbildung ein Rückgang
der Unfälle mit Personenschaden bei den 18-Jährigen um 28% verzeichnet.
Die Zahl der Alleinunfälle ist bei den 18- jährigen männlichen Lenkern
um 34%, bei den weiblichen um 13% zurückgegangen. Positive Ergebnisse
sind auch durch die Mehrphasenausbildung in der Schweiz zu erwarten.
Professionelle Fahrausbildung ist unverzichtbar
Durch eine weiter optimierte Fahrausbildung kann und muss das
Unfallrisiko der Fahranfänger gesenkt werden. Die Komplexität des
heutigen Verkehrsgeschehens zeigt, dass eine umfassende professionelle
Fahrausbildung, wie sie heute in Deutschland praktiziert wird,
unverzichtbar ist; an diese grundlegende Ausbildung muss sich aber eine
definierte Selbstlernphase unter kontrollierten Schutzkriterien
anschließen. Die Erteilung der Fahrerlaubnis macht niemanden zum
perfekten Fahrer. Der Anfänger im Straßenverkehr – ebenso wie jener im
Beruf – ist immer noch ein Lernender im praktischen Alltag. Vieles
stürmt auf die Fahranfänger ein. Neben den Herausforderungen des
eigenverantwortlichen Fahrens müssen sie sich auch mit den Eigenschaften
ihrer ersten Fahrzeuge vertraut machen: Das Durchschnittsalter der Pkw
junger Fahrer beträgt ca. 11 Jahre. In Zukunft müssen sie sich auch auf
die Veränderungen des Fahrens durch die vielfältigen
Fahrerassistenzsysteme einstellen. Den richtigen Umgang mit älteren
Fahrzeugen einerseits, aber auch mit modernen Assistenzsystemen
andererseits kann man erst „erfahren“, wenn bereits eigene Fahrerfahrung
vorliegt, also nach Erhalt der Fahrerlaubnis. Das erfordert eine aktive
und professionelle Lernphase auch nach erfolgreichem Abschluss der
Führerscheinprüfung.
Der Modellversuch BF 17 zeigt dazu einen Weg auf. Damit werden jedoch
auch in Zukunft nur ca. 40% aller jungen Fahrer erreichbar sein.
Verbesserte Sicherheit muss aber allen Fahranfängern zugutekommen, auch
jenen, die sich nicht am BF 17 beteiligen können.
Definierte Praxisphase mit Schutzkriterien
Nach Vorliegen der BASt-Ergebnisse über die Modellversuche „BF 17“
und „Zweiphasige Fahrausbildung“ im Jahr 2010 muss unverzüglich das
Konzept einer optimierten Fahrausbildung erarbeitet werden, das
obligatorisch für alle Fahranfänger gilt, gleichgültig ob sie am BF 17
teilnehmen oder nicht. Die Deutsche Fahrlehrer-Akademie hat hierzu in
den letzten Jahren einen Konzeptvorschlag entwickelt, der nach der
Fahrerlaubnisprüfung eine definierte Praxisphase mit Schutzkriterien und
eine abschließende kurze professionelle Schulungseinheit, aufbauend auf
den gewonnenen Eigenerfahrungen, umfasst. Durch optimale Integration der
Ausbildungsinhalte in die verschiedenen Ausbildungsabschnitte kann
dieses Konzept trotz verlängerter Lernzeit weitgehend kostenneutral
gegenüber der heutigen Ausbildung gestaltet werden. Dieses Konzept wird
zurzeit mit anderen Organisationen der Verkehrssicherheit diskutiert und
steht 2010 allen zur Verfügung, wenn nach Ablauf der Modellversuche die
Zeit zum Handeln gekommen ist.
Obligatorium für breit gefächerte Sicherheit
Wenn sich bei der abschließenden Evaluation die positiven Erfahrungen
bestätigen, darf es nicht der freiwilligen Entscheidung des einzelnen
Fahranfängers überlassen bleiben, ob er den Sicherheitsgewinn mit
erweiterter Lernphase wählt. Dann hat der Staat die soziale
Verantwortung und Verpflichtung, derartige optimierte Ausbildungsmodelle
baldmöglichst obligatorisch einzuführen. Diese könnten nicht nur die
Zahl der jährlich über 600 jugendlichen Getöteten allein im Pkw
wesentlich herabsetzen, sondern würden auch das von unerfahrenen
Fahranfängern ausgehende Gefahrenpotential für die anderen
Verkehrsteilnehmer generell verringern. Den jungen Fahrerinnen und
Fahrern kann und muss geholfen werden – nicht mit Strafmaßnahmen,
sondern mit Maßnahmen der Weiterbildung, der Fortbildung und des
Erfahrungsgewinns.